Christoph Napp-Saarbourg, Vorsitzender Heimatfreunde Neuss e.V., durfte sich über eine etwa hundertköpfige Gästeschar beim traditionellen Historischen Abend im Romaneum freuen, der dieses Jahr unter dem Thema „Unter Besatzung“ die Lebensbedingungen der Neusser in für sie schwierigen Zeiten zu verschiedenen Jahrhunderten beleuchtete. Josef Burdich, der auch die Leitung des Abends hatte, referierte über die Besatzungszeiten seit dem Kölner Krieg im 16. Jh., der sog. Hessennot, als Neuss im Gefolge des Dreißigjährigen Krieges als Pfandobjekt der Hessen herhalten musste; dem folgten anderthalb Jahrhunderte, da Neuss infolge einer einseitigen Festlegung der damaligen Kölner Kurfürsten auf Frankreich als Bündnispartner gleichsam Faustpfand Ludwigs XIV. und seines Nachfolgers war. Die wenigen Jahre dieser Epoche ohne Verteilung von Soldaten auf die Privatwohnungen der Neusser und ohne Kontributionen und materielle Forderungen erwiesen, dass dann auch die Wirtschaft prosperierte, ablesbar z. B. an reger Bautätigkeit.
Der anschließende Vortrag zur Neusser Franzosenzeit von Lisa Klewitz, gebürtiger Neusserin und promovierter Historikerin, die mit ihrer Familie in Mainz lebt, wurde als aufgezeichnetes Video präsentiert. Der Coup von 1813, als es einer 600 Mann starken preußischen Truppe gelang, mit einem französischen Marsch bei Nacht in Neuss einzumarschieren und zumindest für einen Tag Neuss zu befreien, wurde von der Referentin als Anfang vom Ende der Franzosenzeit gewertet, indem sie einerseits die Historizität der Anekdote relativierte, aber ein Umdenken in der linksrheinischen Bevölkerung plausibel nachzeichnete. Im Übrigen bedeutete die Franzosenzeit für Neuss wirtschaftlichen Aufschwung und einen starken Bevölkerungszuwachs.
Der abschließende Vortrag von Herrn Stadtarchivar Dr. Jens Metzdorf widmete sich der belgischen Besatzungszeit nach dem 1. Weltkrieg, also einer Zeit, die generell von Umbrüchen gekennzeichnet war: Durchführung demokratische Wahlen zur Nationalversammlung, Reichstag, Preuß. Landtag und der Neusser Stadtverordnetenversammlung, alle verbunden mit dem Wahlrecht für Frauen, die Parteiprogramme, die Auswirkungen des Versailler Vertrages, die wachsende Inflation, der Ruhrkampf – Chancen, aber auch Probleme, wobei Metzdorf das Fazit zog, dass gerade die Tatsache, dass Neuss besetzt war, die vielen Facetten partei- und gesellschaftspolitischer Auseinandersetzungen unter den strengen Auflagen und Kontrollen der Belgier hierzulande gar nicht so zur Entfaltung kamen; vielmehr war man in Neuss unter besonnener und ausgleichender Leitung der Bürgermeister Gielen und Hüppner bemüht, auskömmlich die Neusser Bürgerinnen und Bürger durch eine Zeit von Not und Entbehrung (Ausgangssperren, Zensur, Lebensmittelkarten, Waffenverbot, etc.) zu führen. Metzdorfs Vortrag wurde durch gut ausgewählte Fotographien und Abbildungen von Originaldokumenten illustriert.
 
Der starke Applaus am Ende entsprach dem guten Eindruck von drei vielseitigen Vorträgen zur Neusser Geschichte.